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„Wir haben Anfragen von italienischen Fahrern“



Er ist als Mitgründer und COO einer der Köpfe der Formula V. Als Chef-Schiedsrichter steht er mitten im Renngeschehen. Marco Lauber sagt: „Das Niveau in der Formula V ist unglaublich hoch“.


Marco Lauber, seit rund drei Monaten kann in der Racing-Lounge in Cham in Evotek-Simulatoren das echte Renngefühl erlebt werden. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?


Wenn ich sehe, wie viel Freude wir vermitteln und was wir in dieser kurzen Zeit bewegt haben, bin ich sehr zufrieden. Wir motivieren die Menschen zu Höchstleistungen. Und wenn ich sehe, woher die Fahrer kommen, bin ich überwältigt. Ein Fahrer hat für die Qualifikation die Anreise aus Genf auf sich genommen – um dann zum ersten Meisterschaftslauf wiederzukommen. Ein E-Sportler flog aus Ungarn ein. Das zeigt mir: Wir erfüllen eine Nachfrage.



Marco Lauber



Ende Mai fand der erste Lauf der Schweizer Meisterschaft statt. Wie war das Feedback der Teilnehmer?


Grossmehrheitlich positiv. Interessant war es, das Verhalten der Fahrer zu beobachten. Zunächst tasteten sie sich ruhig an die Aufgabe heran. Je länger desto mehr entwickelte sich eine ganz spezielle Dynamik. Spannung kam auf. Ein echtes Rennfieber entstand.



Mit einem Siegercheck von 5000 Franken gibt es in jedem Rennen einen stolzen Betrag zu gewinnen. Wie wirkt sich dies aufs Geschehen aus?


Diese Aussicht verschärfte die Konkurrenzsituation sicherlich. Die Fahrer gingen sehr konzentriert und fokussiert an den Start. Man merkte schnell: Das ist mehr als ein Spiel. Wegen einer Kollision mussten wir in einem Halbfinal eine Untersuchung einleiten – und eine Fünfsekunden-Strafe aussprechen. Der Betroffene verpasste den Final. Das war hart. Aber das zeigt auch, wie nahe wir an der Realität sind. Im Formel-1-Grand-Prix von Kanada verlor Sebastian Vettel den Sieg, weil er ebenfalls fünf Strafsekunden kassierte. Grundsätzlich darf ich aber sagen: Fairness und der Respekt der Teilnehmer sind sehr gross.



Wie beurteilen Sie das sportliche Niveau?


Es ist unheimlich hoch – obwohl die meisten Teilnehmer noch wenig Erfahrung in den Simulatoren besitzen. Relativ schnell kristallisierte sich ein Favoritenfeld heraus. Und spätestens in den Halbfinals wurde deutlich, wie gross die Leistungsdichte schon ist. Wer um den Sieg mitfahren wollte, durfte sich keinen Fehler erlauben.



Das erste Rennen fand auf dem virtuellen Kurs von Monza statt. Nun steht mit dem „Circuit de Spa-Francorchamps“ ein weiterer Klassiker auf dem Programm. Was erwarten Sie im zweiten Lauf?


Das Rennen vom Sonntag wird für alle eine grosse Herausforderung. Der Grand Prix von Belgien ist in jeder Beziehung sehr speziell: Mit einer Länge von 7,2 Kilometern ist die Strecke so lange wie sonst nirgends in der Formel 1. Und die legendäre Kurvenkombination Eau Rouge hat es in sich. Man fährt in diesem hügeligen Abschnitt praktisch ins Niemandsland – muss antizipieren. Wer mit zu wenig Tempo auf die lange Gerade einbiegt, hat das Rennen verloren.

 




Machen Sie im Vergleich zum ersten Rennen organisatorische Anpassungen?


Der erste Meisterschaftslauf war für uns alle Neuland. Wir haben bemerkt, wie  aufwendig der organisatorische Ablauf ist und wie wichtig saubere Strukturen sind. Deshalb reduzieren wir das Teilnehmerfeld von 64 auf 40 Fahrer. So hat jede und jeder garantiert die Möglichkeit, zwei Qualifikationsrunden zu fahren.



Wie gesagt, reiste zum ersten Rennen ein E-Sport-Profi aus Ungarn an. Haben Sie erneut internationale Teilnehmer?


Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Zusammensetzung des Feldes noch nicht bis ins letzte Detail bekannt. Was ich aber sagen kann: Wir besitzen schon diverse Anfragen von Fahrern aus Italien. Deshalb prüfen wir momentan die Möglichkeit, in Maranello einen Simulator mit dem gleichen Set-up zur Verfügung zu stellen, damit wir die Qualifikation auch extern austragen können. Für das Rennen würden die Qualifizierten dann nach Cham reisen. Dann können wir ganz offiziell von einer „Schweizer Meisterschaft mit internationaler Beteiligung“ sprechen.



Mit dem Erlenbacher Felix Hirsiger setzte sich im Debüt-Wettkampf ein Mann mit Erfahrungen aus dem „echten“ Renngeschäft durch. Sind Fahrer mit diesem Hintergrund im Simulatoren-Racing im Vorteil?


Diese Fahrer bringen sicher das Sportler-Gen und die Wettkampferfahrung ins Cockpit. Dies kann ein Vorteil sein. Auf der anderen Seite haben wir die E-Sportler, die sich mit den Begebenheiten in der virtuellen Welt vielleicht besser auskennen. Was aber klar zu sagen ist: Alle haben intensiv trainiert und einen grossen Aufwand auf sich genommen, um vorne mitzufahren.



Wagen Sie eine Siegerprognose für die Meisterschaft?


Hirsiger hat den Massstab gesetzt. Er wird auch in den weiteren Rennen zu den Favoriten gehören. Bei ihm spürt man deutlich: Die Formula V gibt ihm im Rennsport eine zweite Chance. Und die will er unbedingt packen. Aber auch andere können gewinnen: beispielsweise der junge Zürcher Shaun Vogel, der im ersten Rennen in der Qualifikation gescheitert ist. Letztlich entscheidet auch das Risikomanagement. Denn wie gesagt: Wer sich einen Fehler zu viel leistet, ist praktisch weg vom Fenster.


Interview: Thomas Renggli