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Die Deutschen auf der Überholspur?


Der zweifache Saisonsieger Felix Hirsiger steigt als Favorit ins dritte Saisonrennen um das Formula-V-Championat. Doch aus Deutschland erwächst ihm starke Konkurrenz.


Michael Schumacher, Sebastian Vettel. Kein anderes Land hat in der jüngeren Vergangenheit mehr Serien-Champions im Formel-1-Rennsport herausgebracht als Deutschland. Es ist deshalb kaum ein Zufall, dass Formula-V-Gründer Francisco Fernandez mit seinem Produkt eher früher als später ins nördliche Nachbarland expandieren will. Gespräche mit einem Franchisenehmer, der die Lounges flächendeckend etablieren will, sind auf gutem Weg.


Sportlich beginnt die Zukunft schon jetzt. Am Sonntag treten in Cham erstmals zwei deutsche Cracks zur Formula-V-Meisterschaft an: der 33-jährige Manuel Sudau und sein 14 Jahre jüngerer Kollege Angelo Michel. Obwohl das Rennen im Evotek-Simulator für die beiden eine Premiere ist, verfügen die Deutschen über grosse Erfahrung im E-Sport auf höchstem Niveau. Sie gehören zu den Stars der Simracing-Szene und fahren im Team „Rennsport Online“ Woche für Woche auf höchstem Niveau. Dass am Sonntag auf dem virtuellen Nürburgring gefahren wird, ermöglicht den beiden deutschen Einsteigern schon fast ein Heimspiel.





Sudau, der an der ETH Zürich als Raumentwickler arbeitet und auf dem Weg zum Doktortitel ist, war in seiner Jugend ein ambitionierter Rennfahrer: „Im Go-Kart hatte ich im Alter von 14, 15 Jahren eine heisse Phase – aber für den nächsten Schritt fehlte das Geld.“ Also setzte er auf seine akademische Laufbahn – und auf das Simulatoren-Racing als Hobby. Daraus ist mittlerweile schon viel mehr geworden. Zuhause bei Sudau steht ein iRacing-Cockpit im Wert von 20‘000 Euro. Dank Sponsoren und Partnerschaften bewegt er sich in einem sportlichen Umfeld, in dem die Besten im Jahr bis zu 150‘000 Franken verdienen. „Wenn ich wollte, könnte ich wohl vom Simracing leben“, sagt er, „doch dafür müsste ich meine berufliche Karriere unterbrechen.“


Weil ihm dieses Risiko zu gross ist, geht er seiner rennsportlichen Leidenschaft nun in der Freizeit nach – aber mit direktem Zugang zur grossen Motorsportwelt. Am vergangenen Wochenende trat er beim virtuellen 24-Stundenrennen von Spa gegen die Formel-1-Piloten Max Verstappen und Lando Norris an: „Das war ein grosses Erlebnis“, sagt er. Grundsätzlich hält er aber nicht viel davon, wenn man die reale mit der virtuellen Rennsportwelt vermischt: „Das sind zwei unterschiedliche Sportarten, die ganz andere Fähigkeiten brauchen.“


Wie er sich am Sonntag im Evotek-Simulator in der Formula-V-Lounge in Cham zurechtfinden wird, kann er nur bedingt sagen. Denn in Deutschland fährt er meistens in GT3-Boliden aus der Tourenwagen-Szene: „Die Formel-1-Simulatoren stellen andere Anforderungen.“ So will er sich erstmals sachte an die neue Herausforderung herantasten oder „reinschnuppern“ wie er sagt. Doch klar ist auch: Die beiden deutschen Gastfahrer besitzen Erfahrung, Klasse und technische Fähigkeiten, um die Konkurrenz schon im ersten Anlauf mächtig zu ärgern. Allein der Blick ins Palmarès von Angelo Michel lässt einiges erwarten. Schon im Alter von 16 Jahren hatte Michel die ADAC-Simracing-Trophy gewonnen. Und seither kannte der nur noch einen Weg: denjenigen auf der Überholspur.


Thomas Renggli